Am TCDH startet eine digitale Briefedition zu dem Soziologen Ferdinand Tönnies

11.01.2022 | Allgemein, Pressemitteilungen, Projektnews

Bereits im Dezember 2021 fiel der Startschuss für ein am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI), an der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek (SHLB) und am Trier Center for Digital Humanities (TCDH) neu bewilligtes dreijähriges Briefeditions-Projekt: das von der DFG geförderte Vorhaben „Ferdinand Tönnies-Briefe: eine digitale Edition“.
Tönnies Projektstart

© Brief von Ferdinand Tönnies an Friedrich Paulsen, 14.7.1895 (Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek)

Ferdinand Tönnies (1855–1936) war einer der ersten deutschen Gelehrten, die sich explizit als Soziologen begriffen. Sein Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) war in den 1920er Jahren das gesellschaftstheoretische Standardwerk der Soziologie schlechthin. Seine öffentliche Kritik an den nationalsozialistischen Machthabern führte 1933 zu seiner Entlassung aus dem Beamtenverhältnis. Tönnies war ein international stark vernetzter Zeitdiagnostiker, ein politischer Intellektueller, Verleger, Briefpartner und ein Kritiker am herrschenden System. Der Korrespondenz nicht-familialer Briefe von Ferdinand Tönnies, die anders als bei weiteren soziologischen Gründungsfiguren wie Max Weber und Georg Simmel noch unpubliziert sind, wird sich die geplante digitale Edition widmen.
Im Rahmen der Projektvorarbeiten wurden die Standorte von 1.750 Briefe ermittelt, die Tönnies von 1873 bis 1935 an Wissenschaftler, Politiker, Sozialreformer, Schriftsteller und Verleger im In- und Ausland geschrieben hat, darunter bekannte Namen wie Friedrich Engels, Max Horkheimer, Tomáš Garrigue Masaryk, Max Planck, Bertrand Russell, Gustav Schmoller, Theodor Storm, Werner Sombart, Leo Strauss, Max Weber etc. Viele dieser Briefe (ca. 950) gehören zum Tönnies-Nachlass der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek, deren Direktor Dr. Martin Lätzel zusammen mit Prof. Dr. Hans-Georg Soeffner, Dr. Uwe Dörk (beide KWI Essen) und Dr. Thomas Burch (TCDH) das Projekt leitet.
Die entstehende Online-Edition führt die nicht-familialen Briefe von Tönnies zusammen, indem sie sie transkribiert, kommentiert, mit einem mehrgliedrigen Register versieht und verschlagwortet. Jede Transkription bietet das Digitalisat in synoptischer Ansicht. Dabei soll u.a. offengelegt werden, welcher Konnex zwischen den Formen des Briefs, den Formen des Netzwerks und den Formen soziologischen Wissens bestand. Die Briefedition bietet damit nicht nur einen einzigartigen Einblick in die Genese der Soziologie, sondern auch in die weit über den deutschen Sprachraum hinausgreifende Vernetzung von Tönnies in die globale Soziologieszene sowie in die Konjunkturen und Brüche dieser transnationalen Verflechtung.
In dem Projekt kommt das in vielen weiteren Vorhaben des TCDH eingesetzte „Forschungsnetzwerk und Datenbanksystem“ FuD zum Einsatz. Für die Tönnies-Edition wird der in zahlreichen anderen am TCDH durchgeführten Briefprojekten etablierte Workflow nachgenutzt, angepasst und weiter entwickelt.