Einblicke in den Digital Humanities Hackathon der Universität Potsdam
unter dem Titel „Environments in and as Networks“
20.10.2026 | Allgemein, Wissenschaftlicher Austausch
Vom 15. bis zum 17. April 2026 nahmen wir als Gruppe von vier Trierer Studentinnen an einem Digital Humanities Hackathon teil, der vom Potsdam Network for Digital Humanities ausgerichtet wurde. Der Hackathon fand in den Räumen des Brandenburg Museums für Zukunft, Gegenwart und Geschichte statt. Unter dem Titel „Environments in and as Networks“ widmeten wir uns über drei intensive Tage der Schnittstelle zwischen Digital und Environmental Humanities. Dabei beschäftigten wir uns vor allem mit der Frage, wie sich Umwelten konzeptionell und methodologisch mit Hilfe computergestützter Methoden als Netzwerke begreifen, analysieren und darstellen lassen.
Bereits in Vorbereitung auf den Hackathon fanden einige digitale Veranstaltungen statt, die den Einstieg in das Thema erleichterten und auf die gemeinsame Arbeit in Potsdam einstimmten; darunter zum Beispiel ein Kick-off-Meeting, eine Vorlesung zum Thema Netzwerkanalyse und ein Gephi-Workshop. Im Mittelpunkt der Veranstaltung selbst stand ganz im Sinne des Hackathon-Formats nicht die Präsentation bereits abgeschlossener Forschungsergebnisse. Im Gegensatz zu einer klassischen Tagung ging es hier nämlich darum, innerhalb der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit Ideen zu entwickeln, Ansätze und Methoden zu erproben und in einem kollaborativen und explorativen Arbeitsprozess erste Lösungen zu erarbeiten.
Zu Beginn des Hackathons konnten die Teilnehmenden verschiedene „Challenges“ pitchen, zu denen sich im Anschluss jeweils eine Arbeitsgruppe zusammenfand. Die Themen reichten von der Analyse sozioökologischer Zeitschriften aus den 1970ern und 1980ern über die Darstellung von Wetter- und Klimaereignissen in historischen Drucken bis hin zur Untersuchung temporaler Ausdrücke in Klimafiktion.
Wir teilten uns jeweils zu zweit auf verschiedene Challenges auf:
Wir, Rebecca Daniel und Bianca Ottenberg, schlossen uns einer Challenge zur Weiterentwicklung der „ecocritical corpora“ (kurz EcoCor) an (https://ecocor.org/corpora). Dieses Projekt war aus dem vorherigen Hackathon hervorgegangen und wurde in diesem Jahr weitergeführt. EcoCor ist von DraCor inspiriert und sammelt literarische Texte zur Natur und zu Mensch-Umwelt-Beziehungen. Diese werden dann im Sinne des Konzepts „programmable corpora“ für die Forschung in den Computational Literary Studies und Digital Environmental Humanities nutzbar gemacht. Im Rahmen des diesjährigen Hackathons arbeiteten wir unter anderem daran, das deutschsprachige Korpus auch explizit im Hinblick auf Texte weiblicher Autorinnen zu erweitern. Außerdem wurde die Auswahl der Texte kritisch reflektiert und Annotationen wurden verbessert, um die enthaltenen Daten schließlich mittels Netzwerkanalyse zu untersuchen sowie zu visualisieren. EcoCor war im Anschluss an den Hackathon auch auf der ADHO Digital Humanities Conference 2026 in Daejeon vertreten, wo das Projekt im Rahmen eines Vortrags vorgestellt wurde (Trilcke et al. 2026).
Für uns anderen beiden Studentinnen, Nele Mantaj und Carina Zander, ging es gemeinsam mit Arjan van Dalfsen, Jan Jokisch und Wilko Hardenberg um die Frage „Does Distance to Animals change their Appreciation?“. Ursprünglich war „Distance“ hier wörtlich gemeint und zielte darauf ab, die Darstellung in der Literatur im Laufe der Zeit sichtbar zu machen. Im Laufe der Projektbesprechung verschob sich der Fokus hin zu der Frage: „Wie lässt sich der Abstand zwischen Menschen und Tieren in Erzählungen und schriftlichen Quellen darstellen, um ihn für die Sentimentanalyse zu nutzen?“. Datengrundlage war die „Forager Folklore Database (FFDB)“ (https://github.com/ForagerFolkloreDatabase). Sie besteht aus Mythen und Volkserzählungen aus Jäger- und Sammlergesellschaften, wie sie von Anthropologen, Linguisten, Missionaren etc. aufgezeichnet wurden. Zunächst annotierten wir 15 Texte händisch nach TEI-Standard, um einen Goldstandard für die Evaluierung der automatischen Annotation zu schaffen. Hierbei taggten wir Menschen, Tiere, Pflanzen und Geister. Die Wahl fiel hierbei auf BookNLP, da andere Libraries die Namen nicht als solche erkannt hätten. Die Qualität der Ergebnisse war gut, wenn auch mit einigen Unsauberkeiten (z.B. beim Erkennen von Pronomen). Um die Netzwerke sauber aufzubauen, mussten die Daten noch bereinigt werden: Pluralformen wurden aufgelöst, Schreibweisen vereinheitlicht und Synonyme mithilfe von ChatGPT disambiguiert (z.B. wie bei der Zusammenführung von „snake“ und „serpent“).
Neben der Schaffung einer sauberen Datengrundlage widmeten wir uns der zentralen methodischen Frage, wie Distanz und Beziehung überhaupt definiert werden sollten. Es wurde untersucht, ob eine Verbindung besteht, wenn Entitäten im selben Text, im selben Satz, innerhalb eines bestimmten Wortfensters (z.B. 10 Wörter) oder im Rahmen desselben Ereignisses auftreten. Ein Versuch, diese Kookkurrenzen über ein LLM-basiertes Modell („Baguettotron“) zu erfassen, schlug fehl. Letztlich erwies sich das satzweise Bearbeiten der Texte als vielversprechendster Ansatz.
Die Visualisierung erfolgte über Pyvis in Form von Netzwerkgraphen, in denen die physische beziehungsweise grafische Distanz zwischen dem zentralen Knotenpunkt „Mensch“ und den einzelnen Tieren und Pflanzen (gemessen als Shortest Path Distance) die konzeptionelle Nähe abbildet.
Wir fanden heraus, dass intuitive Konzepte wie „Was ist ein Tier?“ (z.B. Abgrenzung von verarbeiteten Produkten wie einem Schildkrötenpanzer-Schild) und „Was ist Distanz?“ bei der formalen Modellierung extrem unscharf und komplex sind. Dennoch legt das Projekt das Fundament dafür, Nähe und Distanz quantitativ abzubilden. Im nächsten Schritt sollen Sentiment-Analysen ergänzt werden, um nicht nur die funktionale Distanz, sondern auch die emotionale Verbindung sichtbar zu machen.
Zusammenfassend war der Hackathon eine spannende Veranstaltung und bereichernde Erfahrung, in der besonders durch den Fokus auf die Environmental Humanities neue Perspektiven eröffnet wurden. Der Austausch mit anderen Forschenden und Studierenden in der Kulisse der historischen Potsdamer Altstadt war extrem lehrreich und hat viel Spaß gemacht. Die Teilnahme können wir anderen Studierenden deshalb nur ans Herz legen und den nächsten Hackathon haben wir vier auf jeden Fall auch schon geplant.
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Trilcke, Peer/Barkey, Sören/Schumacher, Mareike/Börner, Ingo/Milling, Carsten/Skorinkin, Daniil/Sluyter-Gäthje, Henny/Haider, Thomas/Schwindt, Mark/Busch, Anna/Fischer, Frank/Funk, Clara/Giovannini, Luca/Helmig, Clara/Viebke, Gesine/Khilji, Tabeer/Käb, Corinna/Ottenberg, Bianca Linnea/Daniel, Rebecca (2026): „Introducing EcoCor: An Open Infrastructure for Digital Ecocriticism.“ In: Digital Humanities 2026: Book of Abstracts. https://doi.org/10.5281/zenodo.21495909